Alle Texte sind Teil meines Lesungs-Programms "Tagebucheinträge für puerto-ricanische Immobilienmakler", mit dem ich auf Tour bin.

Las Vegas

Als ich heute morgen von einem jungen Mädchen wachgeküsst wurde, bemerkte ich erst, wie braun ihre Zähne waren und wie alt sie war. In der Nacht zuvor hatten die Zähne noch gefunkelt und geleuchtet und ihr Körper fühlte sich an wie der einer 17-Jährigen. In die Augen, die jetzt von einer Lesebrille behütet werden, wollte ich mich fallen lassen und schließlich zur Musik meine Kreise ziehen.

Die Kreise allerdings tanzen nun in meinem Kopf und machen es zur Herausforderung, den Vorhang zu öffnen. Will ich das alles wirklich im Licht sehen? Ich überwinde mich und reiße ihn auf, Sonne überschwemmt mein Gesicht, den Raum und sie.

 

Hell.

Viel zu hell.

 

Dabei blicke ich auf eine rußgeschwärtze Wand mit einem schwarzen, aber nicht rußverschmierten Mann davor.

 

Er wartet.

Ich starre.

 

Ob sie gehen kann?

Meine gemurmelte Zustimmung hört sie nicht mehr, die Tür schlägt schon hinter ihr zu.

Ich suche nach meiner Hose, die definitiv zu leicht ist. Mein Geldbeutel fehlt.

Vegas, Baby.


Murphy's Law

Murphy's Law. Natürlich hieß der Irish Pub Murphy's Law. Und das war natürlich auch der schlechtmöglichste Name für einen solchen Ort, stand natürlich auch gleichzeitig für den schlechtmöglichsten Ort. Weil… wegen Murphy's Law halt.

Hier traf er einen alten Klassenkameraden, der zu einer Fortbildung in die Stadt gekommen war. Er war sich ziemlich sicher, dass sie sich nichts zu sagen haben würden – wegen Murphy's Law, hatte dem Treffen aber trotzdem zugestimmt. Vielleicht aus Verlegenheit, vielleicht aus Langeweile.

Als er zwei Minuten vor sieben in den Pub kam, war sein Kamerad natürlich schon da. Also sein ehemaliger Kamerad, denn schon zu Schulzeiten war ihre Beziehung eine Zweckfreundschaft gewesen, frei nach dem Motto: Wenn sonst niemand uns haben will, haben wir uns halt gegenseitig. Dem entsprechend hatten die beiden nach dem Abitur auch genau drei richtige Sätze und neun Begrüßungsformeln ausgetauscht. Immerhin waren sie beide immer noch chronische Zu-Früh-Kommer.

 

„Guten Abend, Lennart.“ - „Schön dich zu sehen, Adrian.“

 

Eine Begrüßungsformel. Check.

 

„Wie geht’s dir?“

„Gut, und selbst?“

„Tja, kann nicht klagen.“

 

Drei (mehr oder weniger) vollständige Sätze später und im Prinzip war alles gesagt zwischen ihnen. Trotzdem bestellten beide ein überteuertes Guiness. (Gönnt man sich ja sonst nicht, und kann man sich, zumindest er, auch nicht leisten.) Um ihn zu langweilen oder die Zeit tot zu schlagen oder aus Narzissmus heraus, begann der Kamerad von seinem Dienstwagen zu erzählen. Der tollen Kantine und der der betrieblichen Altersvorsorge. Und der Zahnzusatzversicherung.

 

Er dachte: „Das ist mir so egal.“

Er sagte: „Ach.“

und: „Das freut mich für dich.“

 

Ein Pint später, Murphy's Law schummrig im Pseudo-Kerzenlicht, der Abend schon lange vorbei. Beide waren bereit zu gehen, als der Kamerad aus Höflichkeit meinte: „Und, was machst du so?“

 

Er dachte: „Mich als Straßenmusiker über Wasser halten.“

Er sagte: „Performance-Kunts. Oder Kunst-Performance, je nachdem.“

 

Dann malte der dem Gegenüber das Bild eines erstrebenswerten Lebens eines künstlerischen Freigeistes (frei jeder Verantwortung) in den schillerndsten Farben aus, worauf der Kamerad nur antwortete: „Ach.“

und: „Das freut mich für dich.“

 


Wird es halten?

„Wird es halten?“, fragte er.

„Nein“, antwortete es.

„Warum versuchen wir es dann?“, fragte er. „Denk doch mal an all die Energie, Zeit, die schlaflosen Nächte… all der Schweiß und die ruhelosen Gedanken...“

Es sah ihn nur an und schwieg.

Und es behielt die Oberhand.